Babylon im Klassenzimmer

Spanisch in der Schule boomt. Die Gründe dafür: Kuba, Salsa oder Shakira.

Würde es den Wirtschaftskontakten, die Angela Merkel gerade in Lateinamerika anzubahnen hilft, entscheidend nützen, wenn mehr Deutsche in der Schule Spanisch lernten? Wohl kaum. Die Wirtschaftseliten, die dort aufeinander treffen, tauschen sich über Investitionen und Absatzmärkte ohnehin auf Englisch aus.

Ganz anders aber klingt es in Deutschlands Schulen. Die Eltern, die ihre Kinder in diesen Wochen für die weiterführenden Schulen anmelden, die Lehrer und ihre Verbände: sie beschwören das magische Wort der Globalisierung. Um wirtschaftlich bestehen zu können, heißt es, müssten die Kleinen diese große Weltsprache möglichst früh lernen, um sich keine Chancen zu verbauen.

Modesprache Der Sog des Spanischen ist gewaltig. 1990 hatten es knapp über 40.000 Schüler in Deutschland als Fach. Inzwischen ist daraus eine Viertelmillion geworden. Das Globalisierungsargument ist dabei nichts als ein Lockvogel für die Eltern der verunsicherten Mittelschichten. Die Kinder hingegen haben ganz andere Gründe, sich für Spanisch auszusprechen. Sie heißen Kuba oder Teneriffa, Salsa oder Shakira. Spanisch ist cooler und leichter als Französisch, finden sie. Und der Spanischlehrer ist auch viel jünger. Denn wer als 12-Jähriger sagt, er kümmere sich um seine berufliche Zukunft, der lügt in den meisten Fällen.

Begonnen hatte Spanisch als Modeerscheinung, also außerhalb der Romanistik, in den studentischen Milieus und den Volkshochschulen. Die dortigen Interessenten bewegen sich zwischen dem Inka Trail und dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela, zwischen Backpackern und Flamenco-Kurs, und sie sehen gern Filme wie „Amores Perros“ oder „Buena Vista Social Club“. Doch was derzeit passiert, ist etwas ganz anderes. Spanisch erfasst die unteren Stufen: als dritte Fremdsprache von der 8. Klasse an, zunehmend auch als zweite (ab 6. Klasse), ja sogar, so etwa an einem Hamburger Gymnasium, als erste Fremdsprache in der 5. Klasse.

Spanisch, das Idiom, in dem der Grundroman Europas verfasst ist, ist eine schöne und wichtige Sprache. Es wäre ein Gewinn, sie zu beherrschen, was auch für Hindi, Arabisch, Suaheli, Chinesisch und Russisch gilt. Trotzdem wäre es falsch, aus kultureller Mode oder aus Globalisierungsangst eine dieser Sprachen zur ersten oder zweiten Anfangssprache in unseren Schulen zu machen und so langfristig das Französische zu verdrängen.

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