Es ist erstaunlich - das neue Buch von Günter Grass liegt schon in den Buchhandlungen, aber es gibt keine Spur von Aufregung, nirgends. Das Vorgängerwerk „Beim Häuten der Zwiebel“ löste einen Skandal aus, doch die wenigen Besprechungen für das neue Buch sind nun im hinteren Teil der Zeitungen gelandet - das Thema wird eher klein gespielt. Was ist passiert? Interessiert der Nobelpreisträger nicht mehr? Ist sein neues Werk „Die Box: Dunkelkammergeschichten“ so langweilig?
Das allgemeine Desinteresse ergibt sich wohl eher durch die geschickte Öffentlichkeitsarbeit des Verlages, der die Sperrfrist für Besprechungen auf den 29. August legte - eine volle Woche nach Beginn des Verkaufs. Vermutlich wollte Günter Grass, dass sich die Leser ohne die Einflüsterungen der Kritiker selbst eine Meinung über den neuen Roman bilden können. Ein Kontrastprogramm also zur Aufregung über den autobiographischen Roman „Beim Häuten der Zwiebel“ vor zwei Jahren. Rein inhaltlich müsste das neue Buch durchaus auch Interesse auf sich ziehen. Schließlich ist „Die Box“ die Fortsetzung des Skandalons „Beim Häuten der Zwiebel“, in dem sich Grass zur SS-Mitgliedschaft bekannt und dadurch großen Wirbel ausgelöst hatte.
Zauberkräfte Zeitlich schließt sich nun die „Die Box“ an die „Zwiebel“ an, beginnt also 1959 und reicht bis zum Nobelpreis, den Grass 1999 erhielt. Allerdings wechselt Grass in der „Die Box“ die Erzählperspektive. Bemühte er in der „Zwiebel“ noch selbst sein Gedächtnis, lässt er nun andere erzählen. Der Dichter erteilt das Wort an seine acht Kinder und streut nur hie und da kritische Selbstreflexionen ein.
Indem er vom Erzähler zum Zuhörer wird, vermischt Grass erneut bewusst Wahrheit und Dichtung. Eine alte Agfa-Kamera - die Box - hilft ihm dabei. In den Händen der Fotografin Marie, die im realen Leben Maria Rama hieß und der das Buch gewidmet ist, entwickelt das Gerät Zauberkräfte, holt die Vergangenheit herbei, kann aber auch in die Zukunft blicken. Mit dieser Konstruktion ist Grass ein eigenwilliges Buch gelungen, denn „Die Box“ soll keine - wie so oft bei Grass - politische Botschaft vermitteln, sondern den Leser einfach nur am Familienleben des Autors teilhaben lassen.


















