Der hochrangige Vertreter aus dem Reichsamt des Inneren war sehr erstaunt, als er am Sonntag, den 18. Mai 1924 das Bauhaus in Weimar besuchte. Staatssekretär Schultz hatte eine Gemeinschaft in gedrückter Stimmung erwartet, denn die Existenz der Kunstschule stand auf dem Spiel. Die vom Staat Thüringen finanzierte Bildungsstätte, an der ein neuer Typ von Gestalter heranwachsen sollte, war Angriffen unterschiedlicher konservativer politischer und kultureller Kreise ausgesetzt.
Als Schultz in den Saal eintrat, sah er, wie der Direktor Walter Gropius von der Gemeinschaft der Bauhausmeister und Studierenden und begleitet von der BauhausKapelle „unter ohrenbetäubenden Hochrufen durch den Saal getragen“ wurde, wie die Gattin des Bauhausdirektors nach dem Ereignis notierte. Gropius feierte seinen einundvierzigsten Geburtstag, und wie in den Jahren davor machte er daraus ein Fest für alle Bauhäusler. Hier zeigte sich das einzigartige Talent von Gropius, mit Diplomatie und Charisma Menschen von seiner Vision einer neuen Gestaltung, vor allem aber von seiner Vision einer neuen Arbeits- und Lebensgemeinschaft begeistern zu können -gerade in schwierigen Zeiten.
Gropius hatte entscheidenden Anteil daran, dass er nach seinem Weggang vom Bauhaus im Jahre 1928 und vor allem, nachdem er in die USA gegangen war, zum „Mister Bauhaus“ wurde. Mit der Bauhausausstellung, die er mit ehemaligen Bauhausmeistern 1938 im Museum of Modern Art einrichtete, begann eine einzigartige Serie von Publikationen und Ausstellungen, die das Bauhaus zum geradezu mythischen Zentrum der klassischen Moderne werden ließen. Noch die für viele Jahre umfangreichste Bauhausausstellung von 1968 in Stuttgart wurde maßgeblich von Gropius und seinen ehemaligen Mitstreitern bestimmt.
Stärker als andere Architekten setzte er auf die Mitarbeit anderer - da er kein guter Zeichner war. Bis 1925 war Adolf Meyer sein wichtigster Partner, nach 1925 wurde Gropius’ privates Baubüro von Richard Paulick geleitet. In den 1930er Jahren gab es Partnerschaften mit englischen Architekten. Mitte der 1940er Jahre gründete Gropius TAC: The Architects Collaborative. Es entstanden interessante Bauten, doch das architektonische Werk von Gropius erreichte nach seiner Bauhauszeit nicht mehr diese Stringenz und Bedeutung wie Projekte von Ludwig Mies van der Rohe oder Le Corbusier.
Die zurückhaltende Wertung des Architekten Gropius liegt aber auch daran, dass er aufgrund seiner theoretischen Texten als „Funktionalist“ wahrgenommen wurde - sowohl von der wohlwollend als auch der kritisch eingestellten Fachwelt. Bauen war für Gropius eine eminent soziale Aufgabe. Es ging um bessere Lebensverhältnisse für alle. Gropius’ Texte setzten unterschiedliche Schwerpunkte im Spannungsfeld zwischen „Wohnorganismus“ und „Wohnmaschine“. Er arbeitete mit den Begriffen „Funktion“, „Zweck“, „Wesen“, auch mit „Vorgang“ - und das sowohl, wenn er nach Lösungen für die wissenschaftliche Planbarkeit und Organisation des Baustellenbetriebs suchte, als auch, wenn er die Gebrauchsqualitäten des Wohnhauses analysierte, „die Funktionen des Wohnens, Schlafens, Badens, Kochens, Essens“.


















